Richtig reffen: So bleiben Segel, Boot und Crew sicher
Reffen gehört zu den wichtigsten Manövern an Bord. Trotzdem wird oft zu spät gerefft – oder das Segel wird unter zu hoher Last eingerollt. Beides kann nicht nur das Segeln unnötig anstrengend machen, sondern auch Schäden am Segel und an der Reffanlage verursachen.
Dabei gilt eine einfache Grundregel:
Wenn du darüber nachdenkst, ob du reffen solltest, ist meistens bereits der richtige Zeitpunkt dafür gekommen.
Denn Reffen bedeutet nicht automatisch, langsamer zu segeln. Im Gegenteil: Ein passend gerefftes und sauber getrimmtes Segel kann bei stärkerem Wind deutlich effizienter sein als ein zu großes Segel, das ständig flattert oder das Boot zu stark auf die Seite drückt.
Wann sollte ich reffen?
Es gibt einige klare Anzeichen dafür, dass die Segelfläche reduziert werden sollte.
Typische Hinweise sind:
- Das Boot bekommt zu viel Lage.
- Der Ruderdruck nimmt deutlich zu.
- Das Schiff wird stark luvgierig.
- Das Großsegel lässt sich nicht mehr sauber trimmen.
- Das Segel muss ständig geöffnet werden oder schlägt.
- Böen machen das Steuern zunehmend anstrengend.
- Eine stärkere Windzone oder Front ist bereits erkennbar.
Gerade beim letzten Punkt lohnt es sich, frühzeitig zu handeln.
Ein Reffmanöver bei moderatem Wind ist wesentlich entspannter als der Versuch, erst dann Segelfläche wegzunehmen, wenn Boot und Segel bereits stark unter Last stehen.
Rollgenua richtig reffen
Bei einer Rollgenua besteht die große Versuchung darin, einfach an der Rollleine zu ziehen und das Segel unter Last einzudrehen.
Besser ist es, zunächst möglichst viel Druck aus dem Segel zu nehmen.
Wenn es die Situation und der Platz erlauben, fällt man dafür etwas ab und entlastet das Vorsegel. Anschließend wird es kontrolliert eingerollt.
Viele Rollgenuas besitzen Reffmarkierungen. Diese helfen dabei, reproduzierbare Reffstufen einzustellen.
Das hat gleich zwei Vorteile:
Zum einen weiß man, wie weit das Segel bei einer bestimmten Windstärke eingerollt werden soll. Zum anderen kann man sich entsprechende Positionen für den Holepunkt der Genuaschot markieren.
Denn beim Einrollen verändert sich die Geometrie des Segels.
Der Holepunkt muss deshalb in der Regel nach vorne versetzt werden. Nur so bleibt die Schotführung passend und das Segel steht auch im gerefften Zustand möglichst gleichmäßig.
Nicht sofort maximalen Gegenzug geben
Beim Beginn des Rollvorgangs sollte möglichst wenig Gegenzug auf der Schot sein.
Das Segel kann sich dadurch sauber um das Vorstag beziehungsweise das Profil der Rollanlage legen.
Erst wenn das Segel weiter eingerollt ist, wird kontrolliert etwas Gegenzug aufgebaut.
Das Ergebnis sollte ein möglichst sauber und faltenfrei eingerolltes Segel sein.
Rollgroß richtig reffen
Bei einem Rollgroßsegel ist ein sauberer Rollvorgang besonders wichtig.
Schon kleine Falten oder ein ungünstiger Einlaufwinkel können dazu führen, dass sich das Segel im Mast verklemmt.
Bei dem im Video gezeigten System wird das Segel gegen den Uhrzeigersinn eingerollt. Deshalb wird der Reffvorgang so vorbereitet, dass der Wind von Steuerbord kommt.
Dadurch läuft das Segel günstiger in den Mast und wird nicht unnötig über die Außenkante gezogen. Das reduziert Reibung und schont das Material.
Achterstag beim Rollgroß lösen
Ein besonders wichtiger Punkt beim Reffen eines Rollgroßsegels ist die Mastbiegung.
Bei zunehmendem Wind wird häufig das Achterstag stärker gespannt. Dadurch kann der Mast stärker gebogen werden und das Großsegel wird flacher.
Für den eigentlichen Rollvorgang sollte das Achterstag jedoch wieder gelöst werden.
Der Mast steht dadurch gerader und das Segel kann sauberer in den Mast einrollen.
Nach dem Reffen kann das Achterstag natürlich wieder entsprechend dem gewünschten Segeltrimm gespannt werden.
Die ersten Umdrehungen sind entscheidend
Beim Einrollen des Rollgroßsegels sollte am Anfang möglichst wenig Gegenzug mit dem Ausholer gegeben werden.
Die ersten drei, vier oder fünf Umdrehungen sollten möglichst sauber und ohne starke Spannung erfolgen.
Erst danach wird zunehmend Gegenzug aufgebaut.
Während des gesamten Rollvorgangs lohnt es sich, nach oben zu schauen und zu kontrollieren, ob das Segel beziehungsweise vorhandene Segellatten sauber und parallel einlaufen.
Gerade bei Rollgroßsegeln mit vertikalen Latten ist diese Kontrolle wichtig.
Ein sauber eingerolltes Segel sollte anschließend möglichst faltenfrei stehen.
Auch die Fallspannung spielt eine Rolle
Ein Punkt, der häufig unterschätzt wird, ist die Fallspannung.
Hat sich das Großfall gedehnt oder ist das Segel etwas abgesackt, kann das beim Einrollen problematisch werden. Das Segel kann dann ungünstig an der Mastöffnung beziehungsweise an der Außenkante laufen.
Deshalb sollte vor dem Reffen kontrolliert werden, ob das Segel sauber gesetzt ist und das Fall ausreichend Spannung hat.
Im Video sprechen wir in diesem Zusammenhang auch über dehnungsarme Fallen mit Dyneema-Kern.
Welche Reffsysteme gibt es?
Grundsätzlich gibt es mehrere Möglichkeiten, die Segelfläche eines Großsegels zu reduzieren.
Konventionelles Reffsystem
Beim klassischen Reffsystem wird das Segel vorne am Hals über einen Reffhaken beziehungsweise einen entsprechenden Beschlag befestigt.
Am Achterliek zieht eine Reffleine das neue Reffschothorn zum Baum.
Der große Vorteil ist die einfache und robuste Konstruktion.
Durch die relativ kurzen Kraftwege entsteht außerdem wenig zusätzliche Dehnung.
Der Nachteil: Zum Einhängen des Reffpunkts muss man meist zum Mast.
Einleinen-Reffsystem
Beim Einleinenreff werden Vorliek und Achterliek über ein gemeinsames Leinensystem gerefft.
Der große Vorteil ist der Komfort: Das gesamte Manöver lässt sich bei vielen Anlagen aus dem Cockpit durchführen.
Allerdings ist der Leinenweg wesentlich länger. Dadurch kann mehr Dehnung im System entstehen.
Außerdem befinden sich häufig Umlenkrollen und weitere bewegliche Komponenten im Baum, die regelmäßig kontrolliert werden sollten.
Rollreffsysteme
Rollgroßsysteme bieten einen sehr hohen Bedienkomfort.
Das Segel lässt sich in vielen Fällen nahezu stufenlos verkleinern und das Reffmanöver kann überwiegend aus dem Cockpit durchgeführt werden.
Dafür ist das System technisch komplexer.
Eine saubere Bedienung und regelmäßige Wartung der Anlage sind deshalb besonders wichtig.
Welches Reffsystem ist das beste?
Die pauschale Antwort lautet: Es gibt nicht das eine perfekte Reffsystem.
Die richtige Lösung hängt vom Boot, vom Segelrevier und vor allem von den Anforderungen der Crew ab.
Wer maximale Einfachheit und Robustheit möchte, kann mit einem klassischen Reffsystem sehr gut fahren.
Wer häufig mit kleiner Crew oder allein unterwegs ist, legt möglicherweise mehr Wert darauf, möglichst viele Handgriffe aus dem Cockpit erledigen zu können.
Und bei komfortorientierten Fahrtenyachten können Rollsysteme eine sehr interessante Lösung sein.
Entscheidend ist, dass das System zum Boot und zur Nutzung passt.
Reffen sollte man üben
Einer der wichtigsten Tipps ist gleichzeitig einer der einfachsten:
Probiert das Reffen bei wenig Wind aus.
Gerade wenn ein Boot neu übernommen wurde oder ein Reffsystem noch nicht vertraut ist, sollte man die einzelnen Schritte einmal in Ruhe durchspielen.
Welche Leine muss gelöst werden?
Welche muss gezogen werden?
Wo befinden sich Klemmen und Stopper?
Wie wird der Holepunkt eingestellt?
Und wie sieht das Segel aus, wenn es richtig gerefft ist?
Wenn diese Handgriffe bekannt sind, läuft das Manöver auch dann wesentlich entspannter ab, wenn der Wind tatsächlich auffrischt.
Denn genau dann sollte man nicht erst anfangen herauszufinden, wie das eigene Reffsystem funktioniert.
Reffen in der Praxis: unser Video
Viele der beschriebenen Schritte lassen sich in bewegten Bildern wesentlich besser erklären.
In unserem Video „Richtig reffen! – Wie du dein Rollsegel richtig reffst und welche anderen Reffsysteme es gibt“ zeigen Max und Felix deshalb direkt an Bord, wie wir Rollgroß und Vorsegel reffen und worauf wir beim gesamten Reffvorgang achten.
Dabei zeigen wir unter anderem:
- wann der richtige Zeitpunkt zum Reffen gekommen ist,
- wie eine Rollgenua kontrolliert gerefft wird,
- warum der Holepunkt angepasst werden sollte,
- wie ein Rollgroß sauber eingerollt wird,
- welche Rolle Mastbiegung und Achterstag spielen und
- welche Vor- und Nachteile unterschiedliche Reffsysteme haben.
Das komplette Video findest du auf unserem YouTube-Kanal Segelmanufactur.
Und wenn du Fragen zu deinem Reffsystem hast, dein vorhandenes System optimieren möchtest oder über eine Umrüstung nachdenkst, helfen wir dir natürlich gerne weiter.
